Ein sozialdemokratisches Jahrhundert geht zu Ende

Rixdorfer*innen besitzen ein ausgeprägtes Gespür für soziale Ungerechtigkeit. Da sind unsere persönlichen bzw. familiären Erfahrungen, sei es mit schlechten oder zu teuren Wohnungen, der Suche nach Arbeit, Blechlawinen unter Fenstern und Balkonen, Hitze…

Seit 1919, als das alte 3-Klassen-Wahlrecht abgeschafft wurde und auch Frauen wählten, haben die Rixdorfer*innen fast durchgehend sozial und demokratisch
gewählt. Als erster sozialdemokratischer Bürgermeister war Alfred Scholz im Amt. Ihm und seinen Mitstreiter*innen hat Neukölln eine bessere Gesundheitsfürsorge, ein gerechteres Bildungssystem und sozialen Wohnungsbau im großen Stil zu
verdanken, trotz Hyperinflation zu Beginn und Weltwirtschaftskrise am Ende der 20er Jahre.

1933 jagten ihn die Nazis aus dem Amt. 2014 erhielt der neu gestaltete Platz im Herzen der Karl-Marx-Straße seinen Namen.
Bis zur Abtretung der Staatsmacht an Adolf Hitler, den Mega-Beschädiger Europas mit seiner angeblich sozialistischen „Arbeiterpartei“, bekämpften sich die SPD und die KPD bis aufs Blut. Ende der 20er Jahre hatten alle drei Parteien bewaffnete
Schlägertrupps, um Veranstaltungen zu stören bzw. sich gegen Überfälle zu wehren. So geschehen 1931 bei der „Schlacht um die Richardsburg“1. Dennoch erhielten die SPD und die KPD noch im März 1933 die absolute Mehrheit der Wählerstimmen in Neukölln und waren der Nazipartei haushoch überlegen2, trotz Terror und Propagandaschlacht.
Die ersten freien Wahlen im Oktober 1946 gewann die SPD mit 48,7%. Die noch ganz junge CDU kam auf 22,2 Prozent.3 In Neukölln dominierte die SPD das Bezirksparlament bis
Anfang der 80er Jahre, als sich das „Wirtschaftswunder“ zu verflüchtigen begann, und dann wieder ab 2001, als Deutschland als „kranker Mann“ (West-)Europas galt und Berlin – als „arm, aber sexy“4.

Quelle: Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 061023b /Fotograf: Willy Pragher


Ist das Jahrhundert der Sozialdemokratie bei uns vorbei? 2023 wählte Neukölln nördlich des S-Bahn-Rings gemischt die Grünen bzw. die Linken. Die SPD behauptete sich nur in Britz-Nord, Weiße Siedlung bis High-Deck-Siedlung. Mit wenigen Ausnahmen gewann die CDU in Britz-Süd, Buckow und Rudow. Dort gelang es, die „gesicherten Rechtsextremen“ von AFD & Co. zurückzudrängen. Vorerst.

  1. Ein ehemals sozialistisches Wirtshaus in der zweitgrößten Mietskaserne Berlins in der Richardstraße 35 (heute Comenius-Garten), das von der SA (NSDAP) als „Sturmlokal“ benutzt wurde. Bei einer bewaffneten Demonstration von Nazi-Gegnern wurde der Wirt erschossen. Im ersten Prozess gegen Mitglieder des Rotfrontkämpferbundes (KPD) wurden sie freigesprochen, später erneut vor Gericht gestellt und fünf Männer zum Tod verurteilt. ↩︎
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Ergebnisse_der_Kommunalwahlen_in_Berlin#Bezirk_Neuk%C3%B6lln ↩︎
  3. https://www.berlin.de/politische-bildung/politikportal/politik-in-berlin/wahlen-und-direkte-demokratie/wahlergebnisse-im-wandel/ ↩︎
  4. 2003 beschreibt Klaus Wowereit (SPD), der damalige Bürgermeister Berlins, die Stadt als „arm, aber sexy“. ↩︎

R.B. Januar 2026

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